Klopf, klopf

Oh, *POPCORN*, die IVZ hat eine Abnehmexpertin aufgetrieben, die sogar schon ein eigenes Buch auf dem Markt hat. Die Kundenrezensionen auf Amazon dazu kommen mir zwar größtenteils wie Anfängerfakes vor, aber was soll’s.

Die Heilpraktikerin meint, sie habe ein Abnehmverfahren, das besser wirkt als „konventionelle Diäten“. Was ist denn hier das spezielle Element, das steht in der IVZ ja irgendwie gar nicht beschrieben? Kaffee vergraben? Dreimal um’s Haus rennen vor dem Stuhlgang? Nein, ganz falsch: Es ist Klopfen!

Und das machen wir doch jetzt alle mal: Entspannen Sie sich, lassen Sie ihre Arme leicht baumeln, heben Sie nun ihren rechten Arm, beugen Sie ihn etwas und tippeln sie sich erstmal mit dem Zeigefinger ganz sanft gegen die Schläfe. Dann lassen Sie ihre Seele ihren Klopfrhythmus finden. Ganz leicht aus ihrem Inneren heraus. Klopfen Sie immer weiter! Jetzt erzähle ich Ihnen noch, dass eine Beratungsstunde für individuelles Klopfen 180 € kostet, und Sie sehen: Das Klopfen hat automatisch eine viel höhere Taktfrequenz angenommen! Die Taktfrequenz der Seele.

Paul Ulrich Unschuld vom Horst-Görtz-Stiftungsinstitut an der Berliner Charité meint zu diesem Verfahren:

Es gibt keine ernsthafte Forschung zur Effizienz solcher Maßnahmen etwa bei Diabetes – und kein seriöser Endokrinologe würde sich je an so etwas herantrauen

aber für das Niveau der IVZ reicht es dann eben doch, darüber einen komplett kritiklosen und das Thema nicht hinterfragenden Artikel zu schreiben.

Weiterlesen

Streaming für Dummies

Ich habe mich ja vor Kurzem über die Gefahren bei Streaming-Angeboten im Internet ausgelassen. Die IVZ hat da jetzt mal *POPCORN* einen Experten befragt: Streaming ist nicht strafbar.

Das passiert auch nicht oft, dass schon die Überschrift falsch ist. Streaming bezeichnet einen Datenstrom über Computernetzwerke. Diesen kann ich empfangen oder senden, insofern spricht man auch von einem eingehenden und einem ausgehenden Stream.

Das Problem mit Internetseiten, die Streams zu Medien zur Verfügung stellen ohne dass sie daran Veröffentlichungsrechte hätten, ist, dass viele Nutzer nicht erkennen, ob ein angeschauter Stream nur eingehend ist oder auch nahezu zeitgleich wieder ausgeht.

Generell sei gesagt, dass es kein Grundsatzurteil zum eingehenden Streamen illegal zur Verfügung gestellter Medien gibt. Das Versenden eines Streams, an dessen Inhalt man keine Veröffentlichungsrechte besitzt, ist allerdings sehr wohl strafbar und es sind auch schon Privatpersonen wegen zur Verfügung gestellten Streams durch ausgehende Streams abgemahnt worden.

Noch ein Schmankerl aus dem Interview:

Was passiert, wenn plötzlich Post vom Anwalt ins Haus flattert?

Plegge: Dann ist es in der Regel schon zu spät.

Vielleicht sollte man besser sagen, was jemand tun sollte, der einen solchen Brief bekommt: 1. Ruhe bewaren. 2. Sofort damit zum Fachanwalt gehen und – sofern man juridisch nicht bewandert ist – in keinem Fall eigenständig auf ein solches Schreiben antworten. Derartige Briefe sind oft gespickt mit zu hohen Forderungen und Fangfragen, die allein schon wieder viel Geld kosten können, wenn man auf sie antwortet. Da sind die Kosten für einen Fachanwalt oftmals deutlich billiger als ein direktes Eingehen auf die Forderungen.

Weiterlesen

Gott ableiten

Freunde, holt das Popcorn raus, die IVZ hat wieder einen Experten am Wickel. Was ist denn das Thema heute? Quantenphysik stützt die Existenz Gottes. Ganz mein Humor. Gott per Quantenphysik beweisen, wieso nicht gleich über die Steuererklärung? Aber gut, lassen wir den Experten erstmal selbst reden:

Ich stimme Ihnen zu, dass es im wissenschaftlichen bzw. im naturwissenschaftlichen Weltbild keinen Platz für Gott gibt. Das liegt allerdings weniger an der Unmöglichkeit von Gottesbeweisen, sondern eher am Prinzip der wissenschaftlichen Methode.

Ja, das nenne ich mal Expertenwissen. Es liegt am Prinzip der wissenschaftlichen Methode, dass Gott noch nicht bewiesen ist. Weiß der Teufel, was dieses Prinzip ist. Dass Menschen Wissenschaft ausüben?

Für mich ist der gesamte Evolutionsprozess ein „Werden Gottes“, an dem alles Anteil hat. Ähnlich wie Teilhard de Chardin sehe ich im Evolutionsprozess eine ständig anwachsende materielle Komplexität – vom Quant bis zum Menschen – begleitet von einem ständig zunehmenden Bewusstsein. Dabei ist das „Bewusstsein“ eines Quants als rudimentär zu sehen und nicht mit unserem Bewusstsein zu verwechseln.

Aha. Wir sind also komplexe Quanten? Und werden irgendwann alle BMWs besitzen? Ich glaube, ich komme da durcheinander.

Die Quantenphysik hat mir dabei sehr geholfen, diese Sichtweise zu vertiefen. Das Ziel dieser Bewusstseinsentwicklung ist es, dem göttlichen Bewusstsein immer näherzukommen. Jesus hat dieses Ziel bereits vor 2000 Jahren erreicht.

Jesus war ein Bewusstseinsentwickler und hat die Quantenphysik vorweggenommen?

Ich glaube, dass diese materielle Welt, die wir täglich erleben, eingebettet und durchdrungen ist von einer hintergründigen geistigen Wirklichkeit, der wir im Westen den Namen Gott gegeben haben. Diese Überzeugung habe ich zum einen durch meine persönliche Lebenserfahrung gewonnen, zum anderen leite ich sie ab von Erkenntnissen der Quantenphysik.

Tja, und ich glaube, dass ist im Grunde alles 42. Das habe ich den Schriften von Douglas Adams und meiner persönlichen Lebenserfahrung entnommen. Außerdem leite ich sie aus dem Kaffeeprütt ab.

Diese in der Quantenwelt erkennbare Grundstruktur unseres Universums als ständiger Austausch zwischen sichtbarer Realisierung und nicht-sichtbarer Entwicklung von Möglichkeiten finde ich auch im Menschen wieder: in der Interaktion zwischen Körper und Geist.

Tja, da hapert es aber auch schon wieder im Gebälk: Es ist bislang gänzlich unerforscht, wie es möglich ist, dass ein Mensch über seinen Geist den eigenen Körper steuert. Fragt man z.B. wieso man nicht genausogut den Körper eines anderen steuern könnte, muss diese Frage nach heutigem Wissen ungelöst bleiben. Und daraus folgt gar nichts. So wenig wie aus einer Annahme über die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes irgendetwas über die tatsächliche Existenz Gottes ausgesagt wird.

Im Rückschluss bedeutet das, wenn unser Experte seine Ableitungen derart willkürlich, aber gewollt heranzieht, ist damit nichts gezeigt. Nur, dass er daran glaubt. Und das wollen wir ihm lassen.

Weiterlesen

Gefahren des Freifunks

In der IVZ schreibt man über das Freifunk-Projekt, eine Initiative, um an möglichst vielen Orten Wlan-Router zur Verfügung zu stellen, sei es bei kommerziellen oder nicht-kommerziellen Dienstanbietern.

Der Knackpunkt, viele Mitstreiter zu überzeugen, wird neben einer technisch leichten und einwandfreien Umsetzung die Sicherheit in rechtlichen Fragen sein. Das gilt es, klar herauszuarbeiten.

Leider leistet die IVZ in dieser Hinsicht keinen Dienst, sondern lässt man jemanden aus dem Vorstand des Stadtmarketing Vereins in Ibbenbüren kritiklos zu Wort kommen:

Mit dem Router der Freifunker haben diese eine technische Möglichkeit gefunden, die Störerhaftung zu umgehen. Zumal den Freifunkern sogar per Gericht das Providerprivileg zugesprochen wurde, das sonst nur kommerzielle Anbieter genießen. Und deshalb ist dieser Weg auch rechtlich einwandfrei nach aktueller Gesetzeslage.

Das klingt schön, stimmt nur leider nicht. Den Freifunkern wurde bisher nicht per Gericht das Providerprivileg zugesprochen. Somit ist dieser Weg nicht rechtlich einwandfrei und schon gar nicht nach aktueller Gesetzeslage. Es ist bestenfalls bei Klagen unwahrscheinlich, wegen Störerhaftung belangt zu werden. Heute schon von einer Rechtssicherheit bei Freifunkern zu sprechen ist schlicht nicht korrekt – so sehr es zu wünschen wäre.

Und auch bei der IVZ selbst geht es kunterbunt durcheinander:

Hintergrund der bisherigen Gerichtsentscheidungen ist die nur in Deutschland bestehende Störerhaftung nach dem Telemediengesetz.

Sie können ja mal raten, wo die Störerhaftung nicht geregelt wird. Kleiner Tipp: Nicht im Telemediengesetz.

Diese besagt, dass Unternehmen, wie zum Beispiel Hotels, Kneipen oder Cafés dafür verantwortlich sind, wenn über ihren WLAN-Zugang Nutzer Straftaten begehen, indem sie sich beispielsweise illegal Musik oder Filme runterladen.

Das Gegenteil ist der Fall: Die §§8-10 des Telemediengesetzes regeln das sogenannte Providerprivileg, dem zufolge Internetzugangsanbieter, zu denen mitunter auch Hotels und Cafés gerechnet werden, die einen Internetzugang anbieten, gerade nicht für Straftaten von Nutzern haften, sofern sie sich an die Dienstanbieterpflichten halten. Ob das Providerprivileg gänzlich von der Störerhaftung befreit, ist somit offen.

Künftig könnte es allerdings für kommerzielle Anbieter freier Wlan-Netze etwas heikeler werden: Der kritische Punkt ist diese Passage des abgestimmten Referentenentwurfs des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie:

(4) Diensteanbieter, die einen Internetzugang nach Absatz 3 geschäftsmäßig oder als öffentliche Einrichtung zur Verfügung stellen, können wegen einer rechtswidrigen Handlung eines Nutzers nicht auf Unterlassung in Anspruch genommen werden, wenn sie zumutbare Maßnahmen ergriffen haben, um eine Rechtsverletzung durch Nutzer zu verhindern. Dies ist insbesondere der Fall, wenn der Diensteanbieter
1. angemessene Sicherungsmaßnahmen durch anerkannte Verschlüsselungsverfahren oder vergleichbare Maßnahmen gegen den unberechtigten Zugriff auf das drahtlose lokale Funknetz durch außenstehende Dritte ergriffen hat und
2. Zugang zum Internet nur dem Nutzer gewährt, der erklärt hat, im Rahmen der Nutzung keine Rechtsverletzungen zu begehen.

Die Passage soll dazu dienen, Leute zu verfolgen, die Kinderpornographisches aus dem Internet saugen, und sowas lässt sich wohl in einem öffentlichen Netz besser an als daheim. Viel Spaß also dabei, wenn die Staatsanwaltschaft auf der Matte steht und Namen wissen will – denn die hat man laut Entwurf zur Sicherheit besser zu kennen, will man nicht haften.

Hierzu
Thomas Stadler: Wie die Fachwelt auf den Gesetzesentwurf zur WLAN-Haftung reagiert

Weiterlesen

Meine expertisierte Welt

Mit ihren Experten hat die IVZ kein Glück, auch das Thema Internet ist irgendwie nicht ihres. In der dieswöchigen Veranstaltung sollte es zu „Einkaufen, bezahlen und überweisen im Internet“ gehen, auf gut deutsch: Um die Sicherheit von Überweisungen über das Internet. Dazu hatte die IVZ Experten eingeladen, die sie dann auch in der Überschrift des dazugehörigen Artikels Experten nennt und die sowas wohl von sich gegeben haben:

Brinkmann: Paypal ist aber ein Dritter, ein Dienstleister. Sie hinterlassen dabei Ihre Daten. Wenn Sie dann im Netz bezahlen, geben Sie Ihr Passwort ein – mehr Schutz ist da aber nicht. Wenn es jemand schafft, an Ihr Passwort zu kommen, dann steht die Scheune offen.

Falsch. Man kann seine Überweisungen bei Paypal mit SMS absichern. Außerdem kann man mit Paypal nur überweisen, wenn sich auf einem dortigen Konto Geld befindet oder wenn eine Verbindung zu einem Girokonto besteht – welche man aber auch löschen kann.

Brinkmann: […] Echte Mahnungen müssen in Deutschland übrigens postalisch zugestellt werden.

Falsch. Mahnungen per E-Mail sind zulässig.

Noch schöner wird es im Video zur Veranstaltung, wenn Herr Brinkmann fragt, ob man für Paypal-Transaktionen zahlt. Die richtige Antwort wäre gewesen, dass es Transaktionsgebühren gibt, die manchmal der Rechnungaussteller und manchmal der Rechnungsbegleicher übernimmt. Herr Brinkmanns Antwort auf das Zahlungsmittel für Transaktionskosten bei Paypal dagegen ist:

Die Daten, ja.

Willkommen in der Welt der Verschwörungstheorie: Für Brinkmann ist Paypal wohl eine Datenkrake, bei der Kunden mit Daten statt Transaktionskosten zahlen, ohne dass diese Behauptung irgendwie belegt wird. Die IVZ versteht ihn in ihrer gedruckten Ausgabe ebenso:

Stefan Brinkmann über Bezahldienste wie „Paypal“, die mit den Daten ihrer Kunden Geld verdienten.

Zum Schluss des Videos gibt er noch 10 Verhaltensweisen zum Schutz vor nicht autorisierten Überweisungen preis, von denen ihm nur drei einfallen und die dritte ist schon die Rückbesinnung auf den gesunden Menschenverstand, um auch noch zu sagen:

Eine Rücküberweisung wird es nicht geben.

Möchte jemand raten, wer Rücküberweisungen anbietet? Paypal.

Auf den Vortrag Brinkmanns folgte Herr Feck:

[Feck:] bei grober Fahrlässigkeit – dazu gehöre übrigens auch, ohne Virenscanner zu surfen – habe der Nutzer selbst den Schwarzen Peter.

Falsch. Geschädigte haften bei nicht autorisierten Überweisungen nur, wenn die Bank ihnen grobe Fahrlässigkeit nachweisen kann. Daher schreibt der WDR:

Sobald die Bank dies nicht nachweise oder nicht nachweisen könne, müsse sie dem Kunden das fälschlicherweise überwiesene Geld erstatten.

Übrigens hat laut Christian Solmecke der Bundesgerichtshof bislang immer verneint, dass es seitens Windows-Benutzer grob fahrlässig wäre, keinen Virenscanner installiert zu haben.

Als Leser weiß man an dieser Stelle auch nicht, ob Fehler beim Experten oder beim Textverfasser zustande kommen, denn auch die Hilfestellung bei Phishing ist eher so…

Feck: Wenn Sie noch mal diese Mail bekommen, dann können Sie es an den „Phishing-Reader“ der Verbraucherzentrale senden. Wir prüfen das, gegebenenfalls wird die Adresse gesperrt.

Wenn sie jetzt den „Phishing-Reader“ über Google nicht finden können, könnte es daran liegen, dass er Phishing-Radar heisst. Und was für eine E-Mail-Adresse da dann gesperrt werden soll, ist mir auch nicht ganz ersichtlich.

„Ich habe heute viel gelernt. Vor allem: Man sollte seinen Computer schützen“, fasste Dr. Peter Erf, stellvertretender Leiter der Volkshochschule Ibbenbüren, den Abend in seinem Schlusswort zusammen.

Und immer schön beim Kaffeetrinken den Löffel aus der Tasse nehmen, damit man sich nicht ins Auge sticht.

Weiterlesen

Meine beschränkte Welt

IVZ hat ihre Veranstaltung Meine vernetzte Welt in Wort und Ton online gestellt. Und jetzt kann sich jeder bestätigt fühlen, der bezweifelt hat, dass aus der Veranstaltung ohne genaues Thema irgendetwas rauskommen würde.

Hätte man früher mit Pferdewagenbesitzern eine Podiumsdiskussion zur Einführung des Automobils gemacht, es wäre wohl ungefähr so ein Schmus rausgekommen: Da wird dem Briefeschreiben gehuldigt, beklagt, dass Leute in Regionalbahnen zu wenig aus den Fenster schauen, und dass der Empfang von diesem Internet auf dem Schafberg nicht gut funktioniert. Und, ach ja, das Internet wird Digitale Welt genannt, da waren Kreative am Werk.

Dass der dauerbegeisterte Referent mit seiner Behauptung, 2,4 Mio. Menschen seien 2013 online gewesen sind, genauso haarscharf daneben liegt wie mit der Behauptung, kein anderes Land als China habe mehr als 1,1 Mrd. Einwohner – so genau will das niemand wissen.

Es war eine Veranstaltung, bei denen die betagten Zuhörer als Kulisse für Video- und Zeitungsbeiträge über Leute, die mal wieder vor bunten Plakatwänden stehen wollten, dienen sollten. Ganz toll. Von sowas brauchen wir unbedingt mehr von.

Weiterlesen

Frei nach Kant

Dr. Renate Engel ist von Andrea Bracht in der IVZ zu Kant interviewt worden. Natürlich wird niemand Kant gerecht, wenn er so kurz mal eben raushauen soll, was an Kant dran ist. Das bedeutet aber auch nicht, dass man so falsch liegen sollte. Aber lassen wir die Interviewte zu Wort kommen:

Als erstes möchte ich den Begriff der Menschenwürde nennen. Kant sagt: Eine Sache hat einen Preis. Aber eine Person, die zu sich selber „Ich“ sagen kann, die Verantwortung übernehmen kann, hat Würde. Und die Menschenwürde ist unantastbar.

[Frage Andrea Bracht:] „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist der Artikel unseres Grundgesetzes. Den verdanken wir Kant?

Sehr gute Frage. Die Anwort ist Nein. Mir ist auch unbekannt, dass Kant zwischen Personen, die zu sich selber “Ich” sagen können, und solchen, die das nicht können, moralisch unterschieden hätte. Zur Bestimmung einer Verletzung der Menschenwürde wird von deutschen Gerichten oftmals die Objektformel herangezogen, die sich an Kant anlehnt. Im Wortlaut Kants wird klar, worauf er aus ist:

Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde. […] was die Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat nicht bloß einen relativen Werth, d. i. einen Preis, sondern einen innern Werth, d. i. Würde. (Kant, AA IV, 434f.)

Offenbar können Menschen nach Kant eben auch Preise haben, wie Fussballspieler Ablösesummen, sie haben eben zudem auch eine Würde.

Worauf ich mit diesem ganzen Artikel hinaus will: Heutzutage legt anderen Personen, gerade wenn sie tot sind und sich nicht wehren können, sehr leicht Dinge in den Mund, die sie nicht behauptet haben. Wie z.B. dass Kant

uns Menschen auffordert, selbständig zu philosophieren, anstatt Wissen von Philosophen in uns anzuhäufen.

Wo soll Kant denn sowas gesagt haben? Selbst philosophieren, statt Wissen von Philosophen anzuhäufen? Kant hat eigentlich selbst das Gegenteil getan: Jahrelang sich an anderen abgearbeitet, und mit diesem Wissen seine eigene Philosophie aufgebaut.

Kommen wir zum angeblichen Freiheitsbegriff Kants:

[B]in ich frei genug, über meinem Impuls zu stehen und anders zu handeln, als ich es spontan tun würde? Das ist die Idee der Freiheit, wie Kant sie verstanden hat.

Nein, ist es nicht. Kant definiert 6 Freiheitsbegriffe, die zu erläutern an dieser Stelle nicht nötig ist. Zu diesen zählt die oben gewählte Formulierung nicht. Die gestellte Frage, kann ich über meinem Impuls stehen und anders handeln als ich spontan handle, ist keine, die Menschen nach Kant überhaupt beantworten können. Wer so etwas behauptet verliert, den weisen Biologen berechtigt darauf hin, dass Menschen Handlungen initiieren, bevor diese dem Menschen im Geiste bewußt werden. Kurzum: Wäre das Kants Freiheitsbegriff, wäre er wohl nicht haltbar.

Der Kategorische Imperativ. So in aller Munde und doch so kaum verstanden. Angeblich

ein nicht inhaltlich gebundenes Prüfungsverfahren. Das heißt, mir wird nicht inhaltlich gesagt: Du sollst nicht töten. Sondern es wird gesagt: Prüfe, ob die Richtlinie, nach der Du jetzt in dieser Situation handeln möchtest, ein allgemeines Gesetz werden könnte. Ein Gesetz, das für jeden gilt, immer und auf der ganzen Welt. Wenn ja, dann kann ich danach handeln – oder zumindest sagen: Das wäre eine moralisch gute Handlung nach Kant.

Falsch. Alles kann nach Kant ein Gesetz werden, im juridischen Sinne. Die Frage im Einzelfall ist, ob die individuelle Person dies wollen kann, genauer gesagt: widerspruchsfrei wollen kann. Kant zielt hier auf die nicht bloß subjektive Einschätzung einer Handlung, nicht auf die Installation eines Gesetzes. Zudem: Kant ist vorsichtig bei moralisch guten Handlungen. So einfach wie im Zitat beschrieben, würde Kant nicht von moralisch guten Handlungen sprechen, da Menschen parteiisch sein und sich irren können.

Kant hat den Glauben zu einer Sache jedes Einzelnen gemacht.

Oh, das muss ein ganz neues Ergebnis der Kantforschung sein. Aber ich denke, damit schustert man Kant schlicht zu viel zu.

Und so müssen wir – wenn wir Gott nicht zu einem wissbaren Ding machen wollen, darauf vertrauen, dass wir ihn als gute Macht in unserem Handeln praktisch verwirklichen.

An dieser Stelle sollte mal herausgehoben werden, dass dies eine Privatmeinung ist und mit Kant nichts zu tun hat. Als I-Tüpfelchen fasst die Journalistin dann das, was sie für den Kategorischen Imperativ hält, so zusammen:

Man soll also stets rational handeln.

Weiterlesen

Ratschläge, die die Welt nicht braucht: Facebook-Tipps in der IVZ

Ich hatte schon einmal richtig nervigen Ärger mit Urheberrechtsverletzungen. Damals wandte ich mich an einen Urheberrechtsexperten, und wenn ich lese, was in diesem Artikel in der IVZ zu den aktuellen Schwierigkeiten mit Urheberrechtsverletzungen auf Facebook steht, bin ich glücklich, keine Hilfe in Ibbenbüren gesucht zu haben. Der Experte dort meint,

Steht ein Link auf meiner Seite, bin ich als Täter oder Störer einer Urheberrechtsverletzung anzusehen

Falsch. Links zu Inhalten, die gegen Urheberrechte verstoßen, machen weder den Verlinkenden noch den Verantwortlichen einer Facebook-Pinnwand (s.u.) schlechthin zum Täter oder Störer.

Dem Gegner der Forderung kann man zunächst einmal über den Anwalt eine Abmahnung schicken. Das kostet den Gegner normalerweise einige Hundert Euro – also das Honorar des Anwalts.

Hier wird ein falscher Eindruck erweckt: Die Abmahnung ist für Privatnutzer, und um die geht es ja in diesem Artikel, auf 100€ gedeckelt. Niemand, der privat abgemahnt wird, sollte auf Forderungen über 100€ eingehen. Sind die anfallenden Anwaltskosten höher, ist das Sache des Abmahnenden.

In der Facebook-Debatte geht es ja nur ums Anschauen, in der Regel für einen beschränkten Kreis von Usern.

Falsch. In der Facebook-Debatte geht es gerade nicht um einen beschränkten Kreis von Nutzern, sprich: für fremde Augen gesperrte Profile, sondern um öffentliche, für jedermann einsehbare Profile. Es wäre schon sehr verwunderlich, wenn mich ein Freund wegen Urheberrechtsverletzung verklagt.

Aber der größte Lacher kommt zum Schluss:

Wie kann ich mein Profil abmahnsicher machen?

Plegge: Man sollte auf das Bauchgefühl hören. Das sagt einem schon, was erlaubt ist und was nicht.

Falsch. Ich sollte einfach mein Profil absperren, mein Profil aus der Google-Suche entfernen, ich kann die einzelnen Beiträge auf meiner Pinnwand für jeden Beitrag nur für eine geschlossene Betrachtergruppe einsehbar und damit nicht weiterteilbar machen, oder ganz grundsätzlich Facebook nur mit einem Pseudonym nutzen. Und wenn danach noch Bedarf ist, kann ich ja mal auf mein Bauchgefühl hören.

Zudem erweckt der Sprecher im Video unter dem Text den Eindruck, ein Facebook-Nutzer hafte jederzeit für Inhalte Fremder auf der eigenen Facebook-Pinwand:

Dadurch, dass das besagte Bild auf meine Pinnwand gestellt wird – und sei es auch nur als briefmarkengroßes Thumbnail – dadurch wird es ein Inhalt auf meiner Seite und ich bin für die Urheberrechte verantwortlich.

Ja, das ist übrigens total sinnvoll, dass Anwälte bevor sie Anwalt werden, Jura studiert haben, sonst kommt da so ein Geschwätz bei rum. Natürlich bin ich nicht für das Urheberrecht eines Gegenstands verantwortlich, nur weil irgendjemand ihn auf meine Facebook-Pinnwand stellt. Das wäre ja noch schöner. Auch für eine Urheberrechtsverletzung auf meiner Facebook-Pinnwand durch Fremde hafte ich nur bei positiver Kenntnis der Rechtsverletzung.

Unterm Strich: Ein fürchterlicher Artikel – weder Journalisten, noch Experte sind sachlich auf der Höhe.

Weiterlesen